Logo Die Entwicklungsgeschichte der Drehleier

König david mit Organistrum

Die Drehleier von ca. 1000 n. Chr. bis Ende des 20. Jhd

Das Organistrum
(ab ca. 1000)

Am Pórtica de la Gloria der Kathedrale in Santiago de Compostella (1168 -1188) sind musizierende Figuren dargestellt, von denen zwei ein sog. Organistrum spielen.

Eine Person dreht das Rad, die andere betätigt Kipp- oder Zugtangenten um die Saiten zu verkürzen. Es sind drei Saiten sichtbar, die vermutlich parallel abgegriffen wurden.

Weitere Darstellungen finden sich in Spanien u. a. an den Kathedralen von Toro, San Miguel in Estella, Leon, an den Kirchen von Ahedo de Bruton und Santo Domingo in Soria. In Frankreich sind Abbildungen an den Abteien und Kathedralen von St. Georges de Boscherville in Rouen, von St. Denis, Chartres und Bourges sowie an der Kirche von Vermanton (Brtg.) und St. Nicholais (Civray) zu finden.

Organistrum
Sinfonia

Die Sinfonia
(ab ca. 1180)

In zahlreichen englischen Miniaturen wird eine kleine kastenförmige Drehleier, die Sinfonia, abgebildet. Es handelt sich um ein geschlossenes Instrument mit einer obenliegenden von vorne zu greifenden Tastenreihe, das von einer Person bedient wird. Abbildungen sind:

Das Deckengemälde der Peterborough-Kathedrale, der Belvoir Psalter des Duke of Rutland, Die Apocalypse with Miniatures im British Museum, Die Cantigas de Santa Maria und der Luttrell Psalter.

Die Drehleier von Hieronymus Bosch
(um ca. 1500)

Auf dem Triptychon "der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch ist eine 5-saitige Drehleier abgebildet. Man erkennt an einer Saite einen Knick, der durch eine Hilfssaite die zum Saitenhalter führt, verursacht wird.

Dies läßt einen justierbaren Schnarrsteg vermuten. Es ist die erste Abbildung dieser Art.

Es sind zwei Bordune sichtbar, die Abmessungen des Tangentenkasten lassen aber einen weiteren hohen Bordun, die "Vox Humana", neben zwei Melodiesaiten vermuten.

Drehleier von Hieronymus Bosch
Allerley Bawren Liren

Allerley Bawren Liren
(1619)

Michael Praetorius beschreibt in seinem 1619 in Leipzig erschienenen "Syntagma Musicum" unter anderem Allerley umblauffende Bawren und Weiber Lyren.

Der Abbildung nach zu urteilen weist das Instrument 2 Melodie und drei Bordunsaiten auf. Ein Schnarrsteg ist nicht erkennbar, aber denkbar.

Französische Drehleiern des Barock
(ab 1716)

Durch den Instrumentenbauer Baton tauchten erste Drehleiern mit gitarren- oder lautenförmigen Klangkörpern in Versailles auf. Die Instrumente waren durchweg chromatisch und hatten zwei Melodie-, drei Bordun- und eine Schnarrsaite(n).

Die Wirbelkästen waren vielfach mit kunstvoll geschnitzten Köpfen versehen und die Decken mit Intarsien und Ornamenten geschmückt.

Die Drehleiern hielten Einzug am Französischen Hof und zahlreiche Komponisten wie Boismatier, Baton, Nicholas Chedeville und Michelle Corette, ebenso W.A. Mozart und Antonio Vivaldi schrieben Stücke für die Drehleier.

Die bedeutendsten Drehleierbauer dieser Zeit waren, Louvet und Lambert.

Französische Drehleiern des Barock
Barock 2

Französische Drehleiern im Bourbonnaise
(ab ca. 1850)

Nach der französischen Revolution wurde die Blütezeit der Drehleier in Frankreich beendet. Sie zog sich mit einem traditionellen, zum Tanz orientierten Repertoire nach Zentralfrankreich, dem Berry und Bourbonnaise zurück, wo sie bis heute überlebt hat. Drehleiern aus dieser Epoche tragen u. a. die Stempel von Pimpard und Pajot.

Die Wiederbelebung der Drehleier
(seit ca. 1960)

Der francoschweizer Musiker Rene Zosso wurde vom Klang einer Drehleier so fasziniert, daß er beschloß, sich ein solches Instrument neu bauen zu lassen. Die ersten Drehleierbauer der Neuzeit waren die Schweizer Gebrüder Jacot und der Frankfurter Kurt Reichmann.

Er hat zahlreiche Instrumentenbauer im In- und Ausland inspiriert, sich der Drehleier eingehend zu widmen und somit für ihren Fortbestand im ausgehenden 20. Jahrhundert zu sorgen. Durch Veranstaltungen und Festivals, die der Pflege der Bräuche und Musiken der Drehleier dienen, wurde das Instrument im Laufe der Jahre einem breiteren Interessentenkreis nähergebracht.

Die Drehleier hat dadurch bei vielen mittelalterlichen Spielkreisen, Folkloreensembles, Gesangssolisten und Theaterschauspielern einen festen Nischenplatz erhalten.

Wiederbelebung
Modernisierung

Die Modernisierung der Drehleier
(seit ca. 1980)

Seit ca. 1980 wurde das musikalische Repertoire ständig erweitert und die Spieler/innen kamen bald an die technischen Grenzen der Drehleier. Um den Wünschen der Musiker zu entsprechen, wurden von innovativen Instrumentenbauern zahlreiche Verbesserungen und Erweiterungen vorgenommen.

Die Anzahl der Melodiesaiten erhöhte sich von zwei auf drei, ja sogar vier. Statt einem Schnarrsteg weisen moderne Instrument zwei oder drei auf und der Anzahl der Bordune wurde nur durch Platzmangel Grenzen gesetzt.

Um die tonalen Möglichkeiten zu erweitern wurden deshalb ausgeklügelte Kapodastersysteme entwickelt, mit denen sich die Bordunsaiten fast beliebig verkürzen lassen, was die Begrenzung auf eine Tonart praktisch aufhebt.

Ebenso hielt die Elektronik in den Drehleiern Einzug, um sie durch Verstärkeranlagen lauter zu machen und ihr somit den Weg zu moderner Musik wie Rock und Jazz zu ebnen. Aufwendige elektronische Kanaltrennungen sorgen hierbei für ein transparentes Klangbild und ermöglichen sogar die Verwendung von Klangeffektgeräten und MIDI-Systemen.


Modernisierung2